Es weihnachtet sehr

Ob in Radio, Fernsehen, Zeitung oder Internet, ob leuchtend, blinkend oder singend, „es weihnachtet sehr“ ist überall zu hören und lesen. Aber was bedeuten diese drei kleinen Worte?
Ist damit die himmlische Atmosphäre gemeint, die einen in den Großstädten erwartet? Unendlich lange Lichterketten mit roten und weißen Lichtern, die roten vorne die weißen hinten, die sich langsam, ganz langsam in Richtung Parkhaus bewegen, und man selber mittendrin. Dazu kommt der Duft von Glühwein, Zimt und Autoabgasen, der ein weihnachtliches Gefühl in uns hervorruft. Aber erst das Hupenkonzert mit den harmonischen Handbewegungen, der anderen Autofahrer, verleiht uns die nötige, friedliche Stimmung. Krönend kommen die Engelsstimmen dazu, die uns die Schnäppchen des Jahres anbieten.
Man wird eingeladen zu Festtagsmenüs bei großen Fast-Food Ketten und erhält die Chance, schwedische Möbel fast geschenkt zu bekommen. Da fragt man sich manchmal, was die Engel das übrige Jahr in den Autolautsprechern machen. Ca. 2 Stunden später öffnet sich dann vor einem die Schranke und die Freude ist groß. Sogar so groß, dass man gar nicht böse ist, dass der letzte Parkplatz im 8. Stock frei war und man nun diese 8 Stockwerke, dank des defekten Aufzuges, endlich laufen darf. Ist Weihnachten nicht schön?
Raus aus dem Parkhaus, rein in die Stadt. Etwa drei Menschen teilen sich einen Quadratmeter, wie brüderlich. Es haben sich, wenn man eine Straße herabschaut, ca. 6 Spuren gebildet, 3 in die eine und 3 in die andere Richtung, die von dicht hintereinander gehenden Menschen entstanden sind. Gemeinsam gehen ist halt schöner als alleine. Gliedert man sich vorsichtig in eine dieser Spuren ein, erfährt man einen Höhepunkt der Hilfsbereitschaft: bleibt man kurz stehen, um sich etwas anzusehen, wird man von der Menge einfach weiter geschoben. Einer für alle und alle für einen.
Drei Minuten später ist das favorisierte Kaufhaus schon in Sichtweise. Man setzt den Blinker und bewegt sich mit voller Kraft durch die Menschenströmung gen Eingang. Die im Radio angepriesenen freundlichen und kompetenten Mitarbeiter sind noch außer Sichtweite. Gelassen macht man sich also erst mal selber auf den Weg, nachdem man die kostenlose Kreditkarte am Eingang aufopferungsvoll abgelehnt hat. Zur Orientierung wird der Einkaufszettel, bzw. der Wunschzettel des Christkindes@himmel.com gezückt. Neben das klassischen und mit viel Liebe überlegten Geschenkten, wie Oberhemden, Krawatten oder Schlafanzüge, finden sich aber auch Engelssprache ähnliche Abkürzungen wie Sony PS 2 37km79t5, hinter dem sich z.B. das neueste und friedvolle Computerspiel „Die letzte Schlacht um New York“ (frei erfunden) verbirgt. Teilweise gibt es auch nur Hinweise auf Geschenke, wie vielleicht für die Schwiegermutter, für die einem noch nichts passendes eingefallen ist, die man sich in der Adventszeit mühevoll erarbeitet hat. „Höchstens 10 €“ wäre ein schönes Beispiel der wunderbaren Nächstenliebe. Einer der kompetenten, aufgeschlossenen Mitarbeiter, der einem eventuell helfen könnte, hat sich noch nicht blicken lassen. Aber wir wollen es ja so, sonst würden wir ja einen der selten gewordenen Einzelhandelsläden besuchen. Aber Advent ist ja auch Besinnungszeit…
Zurück in der Fußgängerzone und auf dem Weg zum nächsten Fachmarkt für die Geschenke Nummer 3-5 (ein Elektronikfachmarkt – Mann und Söhne). Man findet sofort wieder weihnachtstypisches Verhalten. Eine Mutter beschimpft ihr weinendes Kind, da es auf die Frage „Was möchtest du trinken? Du darfst was du willst.“ nicht mit dem erwarteten Wasser geantwortet hat, sondern gerne Cola wollte, diese aber nun doch nicht darf. Vor Weihnachten kann man schließlich auch Verzicht üben…
Angekommen beim Mediaexperten fühlt man sich, wenn man kein Kenner ist, wie ein Blinder in einer Bibliothek. Nehmen wir an, wir sind keine Kenner. Hilfe naht zügig. Die Verkäufer sind nach kurzer Zeit schon da. Man bittet um Hilfe auf der Suche nach oben beschriebener Abkürzung. Der Verkäufer begleitet einen von A über B zu C und die Reise endet vor einem großen Regal mit vielen kleinen Sachen, die alle verschieden sind. Mit den Worten „so, da sind wir!“ verabschiedet sich der Verkäufer und verschwindet im Nichts. Die zahlreichen Helfer vom Eingang sind nun plötzlich unauffindbar. Na ja, nach 30 Minuten suchen ist auch die passende Nummer gefunden und man ist für diesen Tag fertig. Die Reise ging ja nun schon annähernd 6 Stunden.
Ein Kaffee zum Abschluss wäre doch etwas feines. Gedacht, getan. Nur bei der Rechung gerät man etwas ins Zweifeln. Zwar der gleiche Preis, wie im Jahr zuvor, jedoch € statt DM. Geballt von Fragen macht man sich auf den Heimweg und fragt sich: Macht das wirklich Weihnachten aus?
(Diese Geschichte ist selbstverständlich stark übertrieben, aber denken Sie doch einmal darüber nach, was Weihnachten bei Ihnen geworden ist und überlegen Sie Sich, ob es das Weihnachten ist, das Sie Sich und Ihrer Familie wünschen. Es liegt bei Ihnen es zu ändern! Frohe Weihnachten!)

 

von (Dr.) Deniz Ulucay


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